Archiv-Seite 2

Von blinden Hunden

Von Frau G. aus Hummelfeld höre ich, ihrem Mann sei, als er noch ein relativ kleiner Bub war, einmal ein blinder Mann mit einem Hund begegnet. Ihm sei erklärt worden, es handele sich um einen „Blindenhund“. „Aber meinem Mann hat sich über die folgenden Jahre nicht erschlossen, warum ein sowieso schon blinder Mann auch noch mit einem ‚blinden Hund’ ausgestattet wird.“

Die Verhörer des jungen B.

Leser B. aus Göttingen schreibt mir, er habe nun den dritten Wumbaba-Band gelesen, wunderbar, nur schade, dass es sein Freund Awenno nicht in das Buch geschafft habe?

Awenno?

Da fällt mir B.’s Brief vom Januar 2008 ein, in dem er mir schrieb:

„Ebenso dringend möchte ich Ihnen Awenno vorstellen. Im Dänemarkurlaub waren wir zum Grillen bei einer deutschen Reisegruppe eingeladen, ich war im Grundschulalter. Da wurde nun zur Gitarre ein Lied aus der Mundorgel geschmettert mit der lauten Refrainzeile: „Awenno hat sich neulich ganz köstlich amüsiert, Awenno hat sich neulich ganz köstlich amüsiert.“ Merkwürdigerweise heißt das Lied, wie ich später lernte, Bolle reiste jüngst zu Pfingsten und behandelt die Abenteuer von Bolle und seinen Kindern in Pankow. Awenno kommt in den Strophen gar nicht vor, aber dennoch im Refrain. Er muss so eine Art stiller Beobachter und Kumpel von Bolle sein, der sich über dessen Erlebnisse freut… Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie den fröhlichen Awenno einmal würdigen würden.“

Was ich nun wenigstens hier getan habe.

Bei weiterer Lektüre des damaligen Briefes fällt mir auf, dass B. damals ein ganzes Füllhorn wunderbar-wumbabarer Geschichten ausschüttete, unverzeihlich, dass ich das im Buch nicht hinreichend würdigte. Zum Beispiel sang er im Kindergarten ein Weihnachtslied mit den schönen Zeilen:

„Draußen wehet ein kalter Wind,
in der Krippe das schwarze Kind.“

Seine Mutter habe versucht, ihm einzureden, es sei vom „zarten Kind“ die Rede, er sei sich aber bis heute der Sache sicher: „Jesus und Wumbaba sind die Grenzgänger der Hautfarbe, sie überschreiten die Rassenschranken, stiften Versöhnung und Frieden.“

Zum Abschluss B.’s Variante von Grönemeyers „Wann ist ein Mann ein Mann?“, das gemeinhin als „Wann ist ein Man ein Möh?“ zu verstehen ist. B. aber hörte: „Wann ist ein Mann ein Mönch?“

Zwar ein Schalker, aber offensichtlich ebenfalls ein Folteropfer.
Auch auf Schalke Folterungen?

Ach, und natürlich nicht zu vergessen B.’s jüngsten Beitrag: Er habe, schreibt er heute, als 14jähriger seinen Vater am letzten Bundesliga-Spieltag der Saison zu einem Auswärtsspiel der Gladbacher in Dortmund begleiten dürfen. Gladbach siegte 3:0 und schaffte es in den UEFA-Cup, was waren das für Zeiten! Nach dem Spiel: überall berittene Polizei, ein Hubschrauber knatterte. Ein Dortmunder Fan lag irgendwo regungslos auf einem Rasenstück.
„Wahrscheinlich volltrunken“, habe sein Vater gemurmelt, so B. Er aber habe verstanden: „Wahrscheinlich Folterungen.“ Und es habe seine Stimmung getrübt, dass seine Gladbacher Gesinnungsgenossen im Rausch des Sieges zu solchen Exzessen neigten.

Paris, der Himmel auf Erden

Noch eine sehr hübsche Kindergeschichte, von Frau B. aus Edewecht/Ammerland. Die war mit ihrem Mann 1976 in Paris, samt der damals drei Jahre alten Tochter Stephanie, eine tolle Zeit offenbar, denn die Eltern schwärmten so sehr von der Stadt, dass Stephanie abends beim Gebet nach den Zeilen „Abends wenn ich schlafen gehe, 14 Englein um mich stehen“ nicht weitersprach: „Und zwei, die mich führen in das himmlische Paradies hinein“.

Sondern: „… in das himmlische Paris hinein.“

eiffelturm

Wien wunderfein

Nun der Brief von Frau von F. aus Bad Godesberg:

„In meiner frühen Jugend gab es noch Straßensänger. Sie sangen in Hinterhöfen von Mietshäusern, oft von einem Ziehharmonika- oder Geigenspieler begleitet. Wir wurden als Kinder öfters zu einer Schneiderin gefahren, die in einem solchen Mietshaus im – vielleicht – dritten Stock wohnte und uns Kleider nähte, resp. Umänderte. Das war für uns langweilig, doch dann kamen meistens die Straßensänger in den Hof, es wurden zwanzig Pfennig-Stücke in ein Zeitungspapier gewickelt und runter geworfen. Das Faszinierendste und Zauberhafteste, das ich da hörte und nie vergessen habe, lautete:

‚Das muss ein Stück vom Himmel sein,

wie wunderfein, wie wunderfein…’

Über Jahre habe ich gerätselt, was es wohl mit diesem wunderfeinen Stück Himmel auf sich haben könnte, und erst viele Jahre später, als erwachsener Mensch erfuhr ich die ernüchternde Lösung:

Es hieß nicht ‚wie wunderfein’ im Liede, sondern ‚Wien und der Wein’.“

Blaue Tiftrienen

Das Phänomenale am Verhören ist ja, wie lange Menschen bereit sind, mit einem Verhörer zu leben, wie ganz und gar unkritisch sie manchmal jahrzehntelang einen Text wieder und wieder singen, der einer auch nur kurzen Überprüfung nie Stand halten würde – auch dies wiederum ein Beleg dafür, dass wir es in der Welt der Verhörer ganz offensichtlich mit einer schöneren und interessanteren zu tun haben, in der man sich aufhält, so lange es irgend geht.

Ein sehr schöner Beleg dafür ist der Brief von Frau K. aus Alfter, deren Schwiegermutter, Gott hab sie selig!, bis ins hohe Alter in wehmütiger Erinnerung an die jugendbewegte Jungmädchenzeit sang:

„Es blühen im Walde Tiftrienen,

die blaue Blume fein“

Bis sie eines Tages ihre Schwiegertochter fragte: „Sag mal, weißt du eigentlich, wie diese Dinger aussehen? Tiftrienen?“ Und in schockiertes Gelächter ausbrach, als sie erfuhr, der Text laute in Wahrheit:

„Es blüht im Walde tief drinnen …“

Wildgänse auf halb Acht

Die drei schönsten Briefe habe ich von alten Damen bekommen, die sich an Lieder erinnerten, die unsereins kaum noch kennt. Die Verhörer hier haben nie den bisweilen grellen Witz anderer, sondern etwas Zauberhaftes, Zartes, wir erinnern uns an die „hohe Wonnegans“ aus der Kaiserhymne, zitiert in Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück. Und wenden uns, erstens, den Wildgänsen zu, um die es, wie der Liedtitel schon sagt, in Walter Flex’ einst berühmtem Lied Wildgänse rauschen durch die Nacht geht, das im Ersten Weltkrieg und auch danach gesungen wurde:

Wildgänse rauschen durch die Nacht,

mit schrillem Schrei nach Norden.

Unstete Fahrt,

Habt Acht! Habt Acht!

Die Welt ist voller Morden.

Dazu schrieb mir Frau T. aus Springe, ihre Freundin, Jahrgang 1926, habe als Kind immer „Halb Acht! Halb Acht!“ verstanden, und es mit nur leichter Verwunderung hingenommen, „dass die Gänse bei ihrer immerhin unsteten Fahrt doch stets pünktlich um halb acht Uhr über des Liederdichters Kopf hinweg zogen.“

 

Haarausfall?

In Weimar kürzlich sprach mich nach der Lesung im März ein Mann an, der lange in einem kleinen österreichischen Dorf gelebt hat. Das war in den achtziger Jahren, als Mike Oldfields Stück Shadow on the wall, gesungen von Roger Chapman, in Österreich ein Nummer 1-Hit war. Der wurde dort im Dorf eines Tages irgendwo gespielt, und der Mann, der mir davon erzählte, hörte, wie sein Nachbar laut und deutlich mitsang: „Schädel ohne Haar…“

Es Wardt ein Kind geboren

Leserin D. aus Hürth schrieb mir, sie habe früher ein katholisches Kirchenlied mit großer Inbrunst gesungen, in dem es heißt:

„Menschen, die ihr wart verloren,

lebet auf, erfreuet euch!

Heut ist Gottes Sohn geboren,

heut ward er den Menschen gleich.“

Das „wart“ in der ersten Zeile habe sie aber stets als „Wart“ verstanden, als Substantiv also. Die Menschen hatten etwas verloren, das „Wart“ hieß, was immer es sein mochte, es war nicht so schlimm, Trost und Rettung nahte durch Jesus Christus.

Eine Weile, nachdem ich diesen Brief erhalten hatte, traf ich in Hamburg Frau B., die mir von ihrem Vater erzählte, der in Wardt (bei Xanten am Niederrhein) lebte und dieses Lied in seiner Kindheit natürlich so verstand, dass es Menschen gab, die ihr „Wardt“ verloren hatten. Wie froh war er, dass er sein Wardt noch hatte.

Wartd
Der Wardter Yachthafen, direkt zwischen Nord- und Südsee

Andererseits begriff er schon in diesem frühen Alter, dass die Möglichkeit bestand, sein Wardt zu verlieren – und dass nur eine Himmelsmacht es einem wiedergeben könnte.

Obamas Erfolgsgeheimnis?

Hier kommt jetzt eine Ergänzung zum Band zwei der Wumbaba-Trilogie, wo nämlich von den „Wunderwesen des Verhörens“ die Rede ist.

 

Neulich war ich in Leipzig bei Radio Mephisto, einem der besten Studentenradios in Deutschland, und der Moderator fragte gleich zu Beginn, ob ich das hier schon kennen würde, es sei die aktuelle Nummer 1 in den amerikanischen Verhör-Hitlisten: 

Nein, kannte ich noch nicht, aber jetzt kenne ich es, und Sie auch. Eric Carmen möchte nicht mehr Obamas Kobold sein und auch nicht mehr „all by myself“, nicht mehr allein. Aber was wird aus Obama, wenn der Kobold weg ist? War der sein wahres Erfolgsgeheimnis?

Ost? West? Nee, La Ruz!

Das Fernseh-Sandmännchen, das früher westdeutsche Kinder in den Schlaf geleitete (auch mich), kennen ja inzwischen nur noch ältere Jahrgänge; 1991 wurde es durchs Ostmännchen ersetzt.
Dieses Sandmännchen hatte ein Lied mit folgendem Text:

Hier wächst zusammen, was zusammen gehört!

„Kommt ein Wölkchen angeflogen,
schwebt herbei ganz sacht,
und der Mond am Himmel droben
hält derweil schon Wacht.
Abend will es wieder werden,
alles geht zur Ruh.
Und die Kinder auf der Erde
machen bald die Äuglein zu.
Doch zuvor, von fern und nah
ruft’s: das Sandmännchen ist da!“

 

Das Problematische daran waren die Worte ganz am Schluss: „… von fern und nah ruft’s…“, undeutlich und schnell gesungen, praktisch unverständlich, so der Phantasie breiten Raum gebend.

Frau K. aus Burg in der Schweiz schrieb mir vor längerer Zeit, sie habe an dieser Stelle immer „Frontlein und Naroß“ verstanden. „Als Kind war ich davon überzeugt, dass es sich dabei um Gewürze handeln musste – wahrscheinlich Schlaf fördernde. Ich habe mir auch vorgestellt, dass es sich vielleicht um zwei Helfer des Sandmännchens handeln könnte, Elfen vielleicht, die offensichtlich nach Schlaf fördernden Gewürzen benannt worden waren.“
Eine andere Variante liefert jetzt Frau S. aus Garbenheim: „Der Verhörer hierzu aus meiner Familie war folgender: ‘…doch zuvor, Äuglein und La-hoft..‘ (was ein ‘Lahoft‘ ist, wissen wir bis heute nicht, vielleicht können Sie uns da helfen!) und aus der Familie meines Mannes ist die Variante: „…Freundlein und Lahoft..“ überliefert. Auch hier der (oder das?) Lahoft!“

Aber nein, helfen kann ich da auch nicht, höchstens indem ich die Originalzeile noch mal mitteile: „von fern und nah ruft’s“. Oder indem ich den Brief von Frau S. aus dem Hessischen zitiere, die auch mit dem West-Sandmann aufwuchs und hörte: „von Fern und La Ruz“.
Sie schreibt: „Für mich, die ich in meinem kurzen Leben nicht weiter als bis zum 50 km entfernten Taunus gekommen war, war Fern ja schon sehr weit. Aber wo war denn da La Ruz? La Ruz musste in meiner Vorstellung also noch hinter Fern, welches schon unendlich weit weg war, liegen. In dieser, noch sehr fernseharmen Zeit blieb dem heranwachsenden Kinde nichts anderes übrig, als seine Freizeit mit Lesen zu verbringen. Ich las besonders gerne Märchen aus 1001 Nacht und Hauff´s Märchen. In beiden wurden lebhafte Geschichten, in und um den Orient, erzählt. So stellte ich mir denn La Ruz als ein Land vor, in welchem Sheherazade und Kalif Storch lebten. Mein Traum war es seither, dieses ach so ferne Land einmal zu besuchen.“
Was ihr nie gelang, einfach, weil es La Ruz nicht gibt, leider.

« Vorige SeiteNächste Seite »


Jetzt überall im Buchhandel:

Das Verhörer-Archiv

 

November 2009
M D M D F S S
« Okt    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30