Vor vielen Jahren trug ich bei einer Lesung einen Text vor, in dem beschrieben wurde, wie es ist, wenn man gesungene Texte immer falsch versteht. Wenn man diesen Irrtum tief in sich aufnimmt, lange dort verwahrt, um dann bei möglichst unpassender Gelegenheit vor möglichst vielen Leuten (die alle den richtigen Text kennen) das Falsche möglichst laut vorzutragen.

Nach der Lesung sprach mich Herr P. aus München an. Er erklärte mir, ihm sei es genauso gegangen, schon als Kind habe er Matthias Claudius’ berühmtes Lied Der Mond ist aufgegangen falsch verstanden. Im Original heißt es da:

„Der Wald steht schwarz und schweiget,

und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel wunderbar.“

Der Herr erklärte mir, er hingegen habe immer gehört:

„Der Wald steht schwarz und schweiget,

und aus den Wiesen steiget

der weiße Neger Wumbaba.“

Ich dachte, das sei eigentlich der bessere Text, jedenfalls der zeitgemäßere. Denn „weißer Nebel“ – das war zu Claudius’ Zeiten reine, wunderbare Poesie, doch heute? Beim Konzerten jeder x-beliebigen boy group steigt weißer Nebel auf, umwabert seltsamste, in den Marketingbüros der Plattenmanager geschaffene Kunstgestalten, blasse Kommerzgeschöpfe. Fast muss man froh sein, dass deutsche Großverlage nicht die Romanautoren der Saison bei ihren Lesungen aus weißen Schwaden hervor treten lassen.

Der weiße Neger Wumbaba aber ist eine radikal poetische, fremd-besondere und – gelassen lächelnd über jeder politischen Korrektheit stehend – im Grunde ganz unzeitgemäße Figur, wie sie vielleicht nicht gerade Claudius, aber doch Morgenstern oder Ringelnatz hätten erfinden können.“

Nun sind die wenigsten, die einen Liedtext falsch verstehen, schwerhörig; meist liegt das Problem beim Sänger oder bei den Sprachkenntnissen, oft ist es auch nur so, dass man sich an den Text eines Liedes nicht mehr recht erinnert, es aber trotzdem singen möchte. Dann singt man aus der Erinnerung.

Aber peinlich ist es den meisten immer noch, etwas falsch verstanden zu haben. Es ist eine Fehlleistung, und Fehlleistungen sind in einer Leistungsgesellschaft unangenehm. Um so wunderbarer ist Wumbabas Existenz: eine Instanz, vor der man seinen Irrtum leichten Sinnes eingestehen kann. Sein Vermächtnis lautet: Wumbaba verurteilt nicht. Wumbaba lacht. Denn Wumbaba weiß: Was die Menschen am meisten eint, sind ihre Fehler. Und wenn Fehler so komisch oder so poetisch oder, im besten Fall, so poetisch-komisch sind wie hier, dann gibt es keinen Grund, über Fehler nicht zu reden. Im Gegenteil.

 

Aus: Axel Hacke, „Der weiße Neger Wumbaba“ und „Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück“

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1 Response to “Wumbawer?”



  1. 1 Und auf den Wiesen weidet … « Wumbabas Blog Trackback zu 3. März 2009 um 10:13
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